Telepflege und Telemedizin: Was es für die Praxis braucht Wissen

Wie können telepflegerische und telemedizinische Ansätze so gestaltet werden, dass sie nicht bei erfolgreichen Modellprojekten stehen bleiben, sondern dauerhaft in der Versorgung ankommen? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Kooperationsveranstaltung „TeleVision – Pflege mittendrin statt nur dabei“ am 30. Juni 2026 in Karlsruhe. Eingeladen hatten pulsnetz MuTiG und das Pflegepraxiszentrum Freiburg im Cluster Zukunft der Pflege.

Rund 50 Fachleute aus Pflegepraxis, Wissenschaft, Politik und Technologiebranche brachten ihre Erfahrungen und Perspektiven ein. Best-Practice-Beispiele, fachliche Impulse und gemeinsame Workshops machten deutlich, wo die Potenziale von Telepflege und Telemedizin liegen, aber auch, was einer nachhaltigen Umsetzung bislang im Weg steht.

Aus den Diskussionen lassen sich fünf zentrale Handlungsfelder für die Praxis ableiten.

1. Bedarfe als Ausgangspunkt nehmen

Eine zentrale Erkenntnis der Veranstaltung: Der Erfolg telepflegerischer und telemedizinischer Angebote hängt weniger von der Technologie selbst ab als davon, wie bedarfsgerecht sie ausgewählt und eingeführt wird.

Am Anfang sollte deshalb die Frage stehen, was das konkrete Problem ist und wer von der Lösung profitieren kann. Das können Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf ebenso sein wie An- und Zugehörige oder Gesundheitsfachpersonen. Ihre Perspektiven sollten bereits bei der Auswahl, Planung und Entwicklung einbezogen werden.

Dabei unterscheiden sich die Anforderungen je nach Versorgungssetting. Eine Lösung, die in einem Krankenhaus funktioniert, lässt sich nicht automatisch auf die ambulante oder stationäre Pflege übertragen. Eine fundierte Bedarfserhebung und ein gutes Verständnis der jeweiligen Abläufe sind deshalb wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einführung.

Telepflege und Telemedizin sollten dabei als Ergänzung der persönlichen Versorgung verstanden werden, nicht als deren Ersatz.

2. Technik muss den Versorgungsalltag unterstützen

Digitale Lösungen entfalten ihren Nutzen erst dann, wenn sie im Arbeitsalltag funktionieren. Entscheidend sind deshalb nicht möglichst viele technische Funktionen, sondern Benutzerfreundlichkeit, Zuverlässigkeit und ein konkreter Mehrwert für die Versorgung.

Dazu gehört auch eine funktionierende technische Basis. Stabiles WLAN, geeignete Endgeräte und erreichbare Supportstrukturen sind grundlegende Voraussetzungen. Gleichzeitig sollten Anwendungen möglichst gut mit bestehenden Dokumentations- und Informationssystemen zusammenspielen. Fehlende Schnittstellen können zu Medienbrüchen und Doppeldokumentationen führen und damit neue Belastungen schaffen, anstatt Arbeit zu erleichtern.

Potenzial sehen die Teilnehmenden unter anderem in der Verbindung von telepflegerischen und telemedizinischen Angeboten mit Telemonitoring oder KI-gestützten Assistenzsystemen. Entscheidend bleibt jedoch auch hier: Die Technik ist Mittel zum Zweck und muss sich an den Anforderungen der Versorgung orientieren.

3. Digitale Kompetenzen und Rollen zusammendenken

Mit Telepflege und Telemedizin verändern sich nicht nur einzelne Arbeitsabläufe. Auch Kommunikation, Verantwortlichkeiten sowie die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen entwickeln sich weiter.

Digitale Kompetenzen sollten deshalb kontinuierlich aufgebaut und stärker in Aus-, Fort- und Weiterbildung verankert werden. Besonders hilfreich sind praxisnahe Lernmöglichkeiten, bei denen Beschäftigte neue Technologien selbst ausprobieren und Sicherheit im Umgang mit ihnen gewinnen können.

Auch innerhalb der Einrichtungen können vorhandene Kompetenzen genutzt werden. Digitalaffine Mitarbeitende können beispielsweise als Multiplikatorinnen Kolleginnen unterstützen und Veränderungsprozesse begleiten.

Gleichzeitig braucht es Klarheit darüber, wie sich Aufgaben und Verantwortlichkeiten durch neue digitale Versorgungsformen verändern. Darin liegt auch eine Chance: Pflegerische Expertise kann stärker in digitale und interprofessionelle Versorgungsprozesse eingebracht werden.

4. Organisationen schaffen die Voraussetzungen

Eine telepflegerische oder telemedizinische Lösung einzuführen, ist kein reines Technikprojekt. Häufig müssen Arbeitsabläufe überprüft, Verantwortlichkeiten neu geklärt und Prozesse angepasst werden.

Dafür brauchen Einrichtungen ausreichend Zeit sowie personelle und finanzielle Ressourcen. Qualitätsmanagement, Dokumentation und Zuständigkeiten sollten von Beginn an mitgedacht werden. Ebenso wichtig sind eine transparente Kommunikation und die Beteiligung der Beschäftigten.

Entscheidend ist immer auch die Evaluation. Bereits bei der Planung sollte daher festgelegt werden, wie Erfahrungen und Wirkungen erfasst werden. So lässt sich im laufenden Prozess erkennen, was funktioniert, wo nachgesteuert werden muss und welche Lösungen sich tatsächlich für einen dauerhaften Einsatz eignen.

Digitalisierung nachhaltig anzugehen, funktioniert nur, wenn Veränderungen innerhalb einer Organisation möglich sind. 

5. Nachhaltige Lösungen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen

Nicht alle Herausforderungen können einzelne Einrichtungen selbst lösen. Gerade beim Übergang erfolgreicher Modellprojekte in die Regelversorgung spielen strukturelle, finanzielle und gesundheitspolitische Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle.

Wichtig sind langfristige Finanzierungs- und Vergütungsmodelle. Dabei reicht es nicht aus, nur die Kosten einer digitalen Lösung zu betrachten. Kosten und Nutzen können an unterschiedlichen Stellen im Versorgungssystem entstehen. Eine Investition in einem Bereich kann beispielsweise an anderer Stelle zu Entlastung oder einer besseren Versorgung führen. Solche sektorenübergreifenden Effekte müssen stärker berücksichtigt werden.

Auch gemeinsame technische Standards und interoperable Schnittstellen können dazu beitragen, Lösungen leichter zwischen Einrichtungen und Versorgungsbereichen zu übertragen.

Gleichzeitig braucht es Netzwerke, in denen Erfahrungen, Wissen und Ressourcen geteilt werden. Politik, Kostenträger, Wissenschaft, Technologieanbieter und Versorgungspraxis müssen gemeinsam daran arbeiten, erfolgreiche Ansätze dauerhaft zu verankern.

Offenheit für digitale Lösungen ist da

Eine besonders  zentrale Erkenntnis aus den Diskussionen ist, dass die Bereitschaft zur Nutzung telepflegerischer und telemedizinischer Angebote häufig größer ist als angenommen. Die wesentlichen Hindernisse sind für die  Teilnehmenden weniger eine grundsätzliche Ablehnung der Technologien als die bestehenden Rahmenbedingungen.

Das verschiebt den Blick auf die Frage, was für eine erfolgreiche Digitalisierung notwendig ist. Es geht nicht nur darum, Menschen von einer neuen Technologie zu überzeugen. Ebenso wichtig ist es, Bedingungen zu schaffen, unter denen sie sinnvoll eingesetzt werden kann.

Telepflege und Telemedizin haben das Potenzial, die Versorgung von Menschen mit Pflege- und Unterstützungsbedarf zu stärken und die Zusammenarbeit über Berufs- und Sektorengrenzen hinweg zu verbessern. Damit erfolgreiche Ansätze dauerhaft in der Praxis ankommen, müssen Bedarf, Technik, Kompetenzen, Organisation und Rahmenbedingungen zusammengedacht werden.

Die ausführlichen Ergebnisse und Handlungsempfehlungen sind in der Dokumentation „TeleVision – Pflege mittendrin statt nur dabei“ zusammengefasst.